Was damit gemeint ist
Gemeint sind vor allem die Wirkstoffe Semaglutid, Tirzepatid und Liraglutid. Semaglutid wirkt wie das körpereigene Hormon GLP-1 und regelt den Appetit: Man fühlt sich früher satt und hat weniger Hunger.[2] Tirzepatid wirkt zusätzlich wie das Hormon GIP.[3]
Semaglutid gibt es für Erwachsene inzwischen auch als Tablette.[2] Für den Wirkstoff Orforglipron hat die EMA im Oktober 2026 eine Zulassung empfohlen. Eine Entscheidung der EU-Kommission lag noch nicht vor, Stand 6. November 2026.[4]
Für wen sie zugelassen sind
Zugelassen sind sie als Ergänzung zu einer kalorienreduzierten Ernährung und mehr Bewegung, für Erwachsene mit einem BMI ab 30 oder ab 27 mit mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung, etwa Bluthochdruck oder Schlafapnoe.[5][6] Was der BMI aussagt, steht unter BMI und Taillenumfang.
Für Jugendliche ab 12 Jahren gelten bei Semaglutid und Liraglutid eigene Bedingungen. Tirzepatid ist zur Gewichtsregulierung nur für Erwachsene zugelassen.[5][6][23]
Für kosmetisches Abnehmen sind diese Mittel weder zugelassen noch gedacht, sagen EMA und die europäischen Arzneimittelbehörden.[1] Wer außerhalb der Zulassung liegt, soll stattdessen Rat zum Lebensstil bekommen.[1]
Häufige Nebenwirkungen
Am häufigsten betrifft es Magen und Darm. Bei Semaglutid hatten über 68 Wochen 43,9 % Übelkeit, unter Placebo 16,1 %, und 24,5 % Erbrechen gegenüber 6,3 %. Das trat vor allem in der Zeit auf, in der die Dosis gesteigert wurde. 4,3 % brachen deshalb ab.[5]
| Häufigkeit | Beispiele bei Semaglutid |
|---|---|
| Sehr häufig, bei mehr als 1 von 10 | Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Müdigkeit[5] |
| Häufig, bei bis zu 1 von 10 | Sodbrennen, Blähungen, Gallensteine, Schwindel, Haarausfall, Reaktionen an der Einstichstelle[5] |
Bei Tirzepatid sieht das Bild ähnlich aus, die vollständigen Listen stehen in den Produktinformationen.[6]
Seltene, aber ernste Risiken
- Bauchspeicheldrüse: Starke, anhaltende Bauchschmerzen, die in den Rücken ziehen können, müssen sofort ärztlich abgeklärt werden.[5]
- Gallenblase: Gallensteine und Entzündungen kommen vor, bei stärkerem Gewichtsverlust eher.[5][6]
- Nieren: Erbrechen und Durchfall können austrocknen und die Nieren belasten. Trink deshalb genug.[5]
- Augen: Für Semaglutid gilt eine bestimmte Sehnervenerkrankung als sehr seltene Nebenwirkung, bei bis zu 1 von 10.000. Bei plötzlichem Sehverlust sofort in die Praxis.[7] Bei Diabetes kann sich zudem eine Netzhauterkrankung kurzfristig verschlechtern.[5]
- Narkose: Sag vor Operationen Bescheid, dass du so ein Mittel nimmst. Es sind Fälle von Einatmen von Mageninhalt beschrieben.[5]
- Stimmung: Die EMA fand für Semaglutid und Liraglutid keinen ursächlichen Zusammenhang mit Suizidgedanken.[8] Tirzepatid war in dieser Prüfung nicht enthalten. Geht es dir seelisch schlechter, sprich sofort mit deiner Praxis.
Bei Nagetieren traten Tumoren der Schilddrüse auf. Die Bedeutung für Menschen gilt als gering, ist aber nicht ganz ausgeschlossen.[5] Zu Muskeln steht mehr unter Krafttraining und Muskeln beim Abnehmen.
Wer vorsichtig sein muss
- Schwangerschaft: Semaglutid darf in der Schwangerschaft nicht angewendet werden und muss mindestens 2 Monate vor einer geplanten Schwangerschaft abgesetzt werden. Tirzepatid wird in der Schwangerschaft nicht empfohlen und sollte mindestens 1 Monat vorher abgesetzt werden. Frauen, die schwanger werden können, wird Verhütung empfohlen.[5][6]
- Stillzeit: Das ist je nach Wirkstoff unterschiedlich geregelt, sprich mit deiner Praxis.[5][6]
- Andere Erkrankungen: Nicht untersucht und nicht empfohlen ist Semaglutid unter anderem bei Typ-1-Diabetes und schwerer Nierenschwäche. Vorsicht gilt nach einer Bauchspeicheldrüsenentzündung und bei entzündlichen Darmerkrankungen.[5]
- Andere Medikamente: Mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen steigt das Risiko für Unterzuckerung.[5]
- Essverhalten: Fachleute raten, vorher Essverhalten und seelische Gesundheit anzusehen.[9] Hast du eine Essstörung oder Angst davor, lies Stress und emotionales Essen.
Was nach dem Absetzen passiert
Laut S3-Leitlinie steigt das Gewicht nach dem Ende der Medikamente in der Regel wieder.[10] Die EMA beschreibt Adipositas als chronische Erkrankung und diese Mittel als für die lange Anwendung gedacht.[1]
Ein Jahr nach dem Ende von Semaglutid hatten 327 Teilnehmende einer Studie im Mittel zwei Drittel ihres Verlusts wieder zugenommen, die Stoffwechselwerte näherten sich dem Ausgangswert. Mit dem Mittel endete dort auch die Begleitung zum Lebensstil.[11] Nach dem Wechsel auf Placebo stieg das Gewicht in einer Studie mit 670 Personen und Tirzepatid innerhalb eines Jahres um 14,0 %.[12]
Eine Auswertung von 37 Studien fand bei Semaglutid und Tirzepatid im Mittel 0,8 kg Zunahme pro Monat. Längere Werte sind dort Hochrechnungen, und die Daten reichen nur bis 12 Monate.[13] Das sind Mittelwerte. Wie es bei dir läuft, sagt keine Studie voraus. Plane das Absetzen deshalb gemeinsam mit deiner Praxis. Mehr unter Gewicht halten.
Was dazugehört
Die S3-Leitlinie sagt, Medikamente sollen nur zusammen mit einem Programm aus Ernährung, Bewegung und Verhalten eingesetzt und regelmäßig überprüft werden.[10] Die Deutsche Diabetes Gesellschaft rät, Bewegung mit ausreichend Eiweiß zu verbinden, um Muskeln zu erhalten.[14] Bei eingeschränkter Nierenfunktion gilt das nicht ohne ärztlichen Rat.[14]
Die Studien, auf die sich die Leitlinie stützt, liefen meist 1 bis 2 Jahre.[10] Auch die WHO spricht nur bedingte Empfehlungen aus und nennt fehlende Langzeitdaten als Grund.[15]
Wer das bezahlt
Stand November 2026 zahlen gesetzlich Versicherte Mittel zur Gewichtsreduktion selbst. § 34 SGB V schließt Arzneimittel zur Regulierung des Körpergewichts aus.[16] Der Gemeinsame Bundesausschuss sah dafür auch bei einem BMI über 30 keinen Spielraum.[17] Bei Typ-2-Diabetes können Kassen Präparate zahlen, die dafür zugelassen sind.[17]
Politisch wird darüber gesprochen, beschlossen ist nichts.[18] Prüf das vor einer Entscheidung noch einmal, das Thema ändert sich gerade.
Finger weg von dubiosen Quellen
EMA und europäische Behörden warnen vor einem starken Anstieg illegaler Mittel, die oft über gefälschte Webseiten und soziale Medien verkauft werden. Sie enthalten womöglich keinen Wirkstoff oder schädliche Stoffe.[19] 2023 tauchten in Europa gefälschte Pens auf, die laut BfArM Insulin statt Semaglutid enthielten.[20]
- Kauf nie ohne Rezept oder außerhalb von Apotheken.[19]
- Misstrau Angeboten über soziale Medien und angeblichen Empfehlungen von Behörden.[19]
- Achte bei Versandapotheken auf das EU-Sicherheitslogo im Register.[21]
Auch bei Online-Rezepten ist Vorsicht angebracht: Bei Testkäufen der Verbraucherzentrale NRW im März 2026 stellten mehrere Plattformen Rezepte aus, ohne Identität oder Gewicht zu prüfen.[22] Eine gute Begleitung sieht anders aus. Mehr unter Wann du ärztlichen Rat holen solltest.
Die App ersetzt keine medizinische Beratung.
Quer dazu
Quellen
- EMA und HMA: EU actions to tackle shortages of GLP-1 receptor agonists, 2024
- EMA: Überblick zu Semaglutid zur Gewichtsregulierung, 2026
- EMA: Überblick zu Tirzepatid
- EMA: Stellungnahme zu Orforglipron, Oktober 2026
- EMA: Produktinformation Semaglutid zur Gewichtsregulierung, Stand Oktober 2026
- EMA: Produktinformation Tirzepatid, Stand September 2026
- EMA: PRAC concludes eye condition NAION is a very rare side effect of semaglutide, 2025
- EMA: Meeting highlights PRAC, 8 bis 11 April 2024
- Mozaffarian D et al.: Nutritional priorities to support GLP-1 therapy for obesity, joint advisory. Obes Pillars, 2025
- DAG: S3-Leitlinie Adipositas, Prävention und Therapie, AWMF 050-001, Version 5.0, 2024
- Wilding JPH et al.: Weight regain and cardiometabolic effects after withdrawal of semaglutide. Diabetes Obes Metab, 2022
- Aronne LJ et al.: Continued Treatment With Tirzepatide for Maintenance of Weight Reduction in Adults With Obesity: The SURMOUNT-4 Randomized Clinical Trial. JAMA, 2024
- West S et al.: Weight regain after cessation of medication for weight management. BMJ, 2026
- Aberle J et al.: Praxisempfehlung Adipositas und Diabetes. Diabetologie und Stoffwechsel, 2025
- Celletti F et al.: World Health Organization Guideline on the Use and Indications of Glucagon-Like Peptide-1 Therapies for the Treatment of Obesity in Adults. JAMA, 2026
- § 34 SGB V
- G-BA: Meldung zu Semaglutid, 21. März 2024
- Deutscher Bundestag: hib 605/2025, Petitionsausschuss
- EMA und HMA: Warning about sharp rise in illegal medicines sold in the EU, 2025
- BfArM: Arzneimittelfälschung bei Semaglutid-Pens, 2023 und 2024
- BfArM: Illegaler Arzneimittelversand und Arzneimittelfälschungen
- Verbraucherzentrale NRW: Testkäufe bei Telemedizin-Plattformen, März 2026
- EMA: Produktinformation Liraglutid zur Gewichtsregulierung, Stand Juli 2025